Hochsensibilität

Der Hype um die Hochsensibilität

Hype um Hochsensibilität

Es ist gut und wichtig das Hochsensibilität langsam ein breiteres Thema in der Öffentlichkeit wird. Aber auch die Schattenseiten lassen nicht lange auf sich warten.

Die Schattenseiten der Bekanntheit

Dieser Artikel wird sicherlich nicht nur Freunde finden. Ich finde es allerdings genauso wichtig, wie Erkenntnisse und positive Erfahrungen zum Thema Hochsensibilität aufzuschreiben, hier auch die Schattenseiten und Begleiterscheinungen einer zunehmenden Bekanntheit von HSP offen zu erwähnen.

Vorweg, ich bin selbst Hochsensibel und beschäftige mich schon einige Zeit mit dem Thema. Ich wollte zu allererst natürlich für mich selbst herausfinden, was HSP eigentlich ist und wieso ich so und nicht anders in gewissen Situationen reagiere und fühle. Der übersensible Teil in mir war dankbar für viele Antworten.

Die Erkenntnis

Wer für sich erkennt ein Hochsensibler Mensch zu sein, es vielleicht vorher schon geahnt hat, aber noch nichts mit dem Begriff anzufangen wusste, für den ist die Erkenntnis erst einmal eine Befreiung. Er erkennt, dass es anderen ähnlich geht, das er nicht allein ist und das er nicht einfach nur ein „Sensibelchen“ ist, sondern das viele seiner Wahrnehmungen und Möglichkeiten ein Potential und eine Kraft in sich tragen, die er bisher noch gar nicht zu nutzen, ja geschweige denn erkennen konnte.

So stürzt man sich auf diverse Gruppen, lokal und online, man verschlingt die wachsende Literatur und ist schon dabei verblüfft und irritiert. Schon hier werden große Unterschiede in der Auslegung, was HSP nun eigentlich bedeutet, deutlich.

Tunnel

Nachdem ich erkannt hatte und von anderer fachkundiger Seite bestätigt wurde, das ich wohl ein hochsensibler Mensch sei (was mich an der Stelle nicht mehr wirklich verwunderte), begann ich mich zu belesen und über Gruppen mit anderen auszutauschen.

Ich fand Menschen, denen es genauso geht wie mir, die schwanken zwischen dem Segen und dem Fluch so sensibel zu sein, Dinge anders wahrzunehmen und sich oft nicht zurückziehen zu können. Ich fand Versteher und Erklärer und ich fand den Hype…

Hochsensibel zu sein scheint „in“ zu werden. Um so mehr darüber berichtet wird, desto mehr finden sich auch Menschen, die gern auf den Zug aufspringen. Esoteriker, selbsternannte Coaches und Lebenstrainer tummeln sich indessen genauso in den zahlreichen Gruppen wie Schamanen, Buchautoren und allerlei anderes. Es wird zunehmend schwerer die ernsthafte Auseinandersetzung zu filtern. Zu viele wollen zu schnell Geld verdienen.

HSP ist das neue vegan

Natürlich gibt auch ernstgemeinte Hilfe und Angebote, doch eines dürfen wir dabei nicht vergessen: HSP ist keine Krankheit! Es ist eine Wesensart, etwas, was uns mitgegeben wurde, was keiner Heilung und keiner Behandlung bedarf! Es geht eher darum zu ergründen, wie komme ich im Alltag damit klar?!

Schon bei der Thematik ob Hochsensibilität vererbbar ist oder nicht, gibt es wahre Glaubensauseinandersetzungen, die eine andere Meinung gar nicht erst akzeptieren. Jeder scheint von seiner Meinung strikt überzeugt und es bilden sich erste Filterblasen, wo man nicht anderes hineinlässt, als was die eigene Meinung stützt. So bildet sich hier im Kleinen ab, was im Großen schon längst geschehen ist.

Vielfach begreifen oder sehen sich Menschen mit Hochsensibilität selbst als Außenseiter. Dies mag durch Erlebnisse in der Kindheit und Jugend begründet sein. Ein „Sensibelchen“, egal ob Mädel oder Junge, ist schnell das „Opfer“ der Gruppe. Ich habe viele Erlebnisse dazu gelesen und an so mancher Geschichte selbst tagelang zu knabbern gehabt. Manchmal sind es auch Familien die ausgrenzen, Freunde die damit nicht umgehen können und Arbeitskollegen, denen man „unheimlich“ ist.

Hochsensible sehen sich als Minderheit, als Randgruppe und fühlen sich bewusst oder unbewusst auch diskriminiert. In vielen Fällen nachvollziehbar. Was mich dann um so mehr überrascht und schockiert hat, sind die Erfahrungen in einigen Gruppen zum Thema Hochsensibilität auf Facebook. Hier wird, gerade unter Hochsensiblen, selbst gemobbt, ausgeteilt und niedergemacht, das es einen gruselt. Manchmal sind es machtberauschte Admins einzelner Gruppen, vielfach aber auch ganz normale Nutzer.

Wenn Hochsensibilität als Thema langsam - in - wird. Die Schattenseiten. #HSP Klick um zu Tweeten

Es gibt von Monat zu Monat mehr Literatur zu dem Thema. Zum einen begrüße ich das, da das Thema endlich auch in die Öffentlichkeit tritt. Nicht jedes Buch gefällt, weder mir noch anderen, um manche wird allerdings schon ein regelrechter Glaubens- und Ablehnungskrieg geführt. Die Spitze war wohl, das ich auf Grund einer Bucherwähnung in einem meiner Artikel in einer HSP Gruppe nicht mehr willkommen war. Hier zeigt sich, das auch Hochsensible manchmal völlig unsensibel sein können.

Ich hoffe, das dem Thema die Würdigung und Öffentlichkeit zuteil wird, die es verdient. HSP muss raus aus der Schmollecke, muss ankommen in der Gesellschaft. Wir alle dürfen nicht verteufeln, was wir nicht verstehen…


Artikel einer ganzen Reihe zum Thema Hochsensibilität. Weitere folgen und werden als Artikelsammlung auf der Seite zum Thema Hochsensibel vorgestellt.

Bereits erschienen:

Hochsensibel HSP Hochsensibilität und der Hype

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10 Kommentare

  • okay , das ist hier in Namibia nicht so . Hier gibt es noch keine Gruppen von HSP , Esoterik oder ähnliches . Das Leben läuft hier sowieso anders , die Menschen sind mehr am Leben , mehr emotional . Für mich ist es neu , das es HSP überhaupt gibt , das ich eine bin . Sehr befreiend , lerne viel dazu + öffne mich dem Neuen …

  • Sehr gut geschrieben, mir ist es auch so in den Facebook Hochsensiblen Gruppen gegangen Wo ich gedacht habe , das kann doch nicht wahr sein . Ich weiss es mit 54 erst ein halbes Jahr und da hat Uwe recht , man weiss garnicht was und wenn man glauben soll . Bei mir war das so das die Pysche so gelitten hat weil ich nicht wusste mit mir umzugehen habe , jetzt wird es besser weil ich mich nicht mehr als unnormal halte Danke für den guten Artikel

  • Danke für diesen Artikel!
    Als ich über HS stolperte, war es die Befreiung und Bereicherung! Trotzdem hinterfragte ich lange, ob ich das Recht habe, mich dazu zu zählen. Ich kann viel Aushalten, liebe manchmal laute Musik und brauche Kaffee
    Mittlerweile bin ich mir aber sicher. In meinem Umfeld bin ich es mir nicht so. Ich möchte mich abgrenzen von denen, die mit ihren Überempfindlichkeiten ihre Mitmenschen drangsalieren.
    Ich gehöre zu der Gruppe von HS, die „ürsprünglich nicht hs waren“ (könnte das bei Bedarf gerne eräutern). Ich weiß nicht, ob das ein großer oder kleiner Anteil an „Betroffenen“ ist. (Hier danke ich sehr Rolf Sellin, der diese Erfahrungen berücksichtigt!)
    Deshalb ist das Wissen über HS für mich Bereicherung, weil ich damit Vieles an mir sehen konnte und nach vielen Jahren immer noch entdecke, was ich vorher nicht sehen durfte!!!

    Ich will eine konkrete Erfahrung zu FB Gruppen noch beitragen.
    Ich erhielt neulich eine Bestätigung für eine Empathie-Gruppe, wo ich schon gar nicht mehr wußte, daß ich da um Aufnahme gebeten hatte. Wobei, da hab ich Verständnis. Was ich gleich mal las, gefiel mir. Reagierte auf eine Frage, des Admin selbst, wie ma so mit Konfliktsituationen auf Arbeit umgehe, glaub ich. Darauf reagierte ich und benannte auch gleich das Narzissmus-Problem, um das sich bei mir geht. Da schalteten sich noch zwei sympatische Narzissmusopfer ein. Und der Admin, er kämpfte um Frieden um jeden Preis und gegen das Wort „Kampf“, selbst im Zusammenhang mit Überlebenskampf. Jedenfalls fand ich ihn schnell ziehmlich krank und dann war ich nach wenigen Stunden schon aus der Gruppe geflogen, was mir bis heute nicht leid tut. Ich kümmerte mich aber noch ein bischen, sah auch plötzlich die Parallele zu „meinem“ von Buddhismus schwafelnden Narzissten und da war es für mich klar. Und gucke, genau dieser Typ, aber auch ähnliche waren in meine Narzissmus-Opfer-Gruppe schon bekannt und in dem Fall sind die modernen Austausch-Medien ein echter Segen.
    Ich denke, dies könnte hilfreich sein.
    Wie für mich jede Begegnung mit einem echten HS. Danke!

  • Ein toller Artikel. Herzlichen Dank dafür.
    Für Menschen die auf der Suche sind ist es in diesem Dschungel der Möglichkeiten enorm schwierig zu wissen wer wirklich HS ist und wer nur Geld damit machen möchte.
    Jedoch vertraue ich darauf, dass sich da die Spreu vom Weizen trennen wird, früher oder später. Denn es kommen sicherlich wieder neue Themen die neues Geld versprechen.

  • Hallo Anett,
    ich denke, wenn man heute hinter die einzelnen Angebote schaut, kann man schon recht leicht sehen, wo es um das Thema oder wo es um Dein Geld geht. Die Entwicklung war eigentlich leider abzusehen.

  • Hallo Brigitte,
    nicht jede Gruppe kann das eigene Interesse widerspiegeln und nicht jeder kann mit speziellen Themen richtig umgehen. Ich sage immer: man kann es einfach nicht allen recht machen, das ist auch gar nicht schlimm. Lediglich der Umgang miteinander und der Ton, der dabei herrscht, sind wichtig.

  • Ich selbst sehe mich nicht als HSP, aber durchaus in der Richtung. Ich bekomme viele „Schwingungen“ von anderen mit und habe eine große Detailwahrnehmung. Auch finde ich manche Situationen mit Menschen schnell sehr anstrengend. Ich kann also vieles verstehen, was HSPler beschäftigt. Daher finde ich es gut, dass mehr Menschen davon erfahren. Aber das birgt auch ein Risiko: Nämlich, dass es abflacht, dass es zu normal wird, dass es jeder irgendwie hat (der es definitiv nicht hat) – deswegen finde ich den Vergleich mit der Gluten-Unverträglichkeit, die fast keiner hat, ziemlich passend.

    Die gleiche Gefahr besteht bei Depression, wo es noch viel wichtiger ist, dass endlich breit darüber gesprochen wird. Und zugleich flacht das Ganze dann ab und wird irgendwie harmlos und das ist es überhaupt nicht.

  • Ich gehöre nicht zu den Menschen, die hochsensibel sein als Segen betrachten und die ganze selbstbeweihräucherung nervt mich inzwischen. Ich bin auf der Suche nach Menschen die zugeben, wie schlimm es mitunter ist: das Mitgefühl mit sooo vielen Lebewesen, die eigene hohe schmerzemfindlichkeit und das Wissen, dass es nie aufhört. Ich habe versucht mich meinem Mann zu erklären – er ist ein sehr lieber Mensch, aber er kann das alles nicht nachvollziehen. Einzig meine Intuition und menschenkenntnis weiß er inzwischen zu schätzen und ist ihm auch sehr wichtig. Ich suche Austausch über all das und finde einfach nichts. Mein Vater ist übrigens auch hochsensibel – das ist mir plötzlich und mit aller Macht aufgegangen und viele seiner“schrulligen“ Eigenheiten haben sich für mich geklärt. Ich habe es ihm gesagt, dass er nicht alleine ist mit diesem und jenem. Für ihn war es eine Erleichterung. Immerhin etwas.

  • danke für diesen Artikel. Ich habe auch den Eindruck, dass es da einen Hype gibt. Nicht wenige Leute, die von sich behaupten, sie seien hochsensibel – die mir nicht so vorkommen – und die offenbar meinen, sie wären deswegen bessere Menschen.
    Wenn man sich mit dem Thema beschäftigen will, findet man vor allem reihenweise Leute, die einen coachen wollen, und so viele gute Ratschläge, dass das auch schon wieder zur Reizüberflutung führt. Dabei reicht eigentlich die Erkenntnis, dass man hochsensibel ist und eine ungefähre Vorstellung davon, was das bedeutet, um das Leben beträchtlich zu erleichtern. Wenn man Beratung braucht, dann höchstens darüber, wie diese Normalsensiblen so ticken.
    Ich finde, in Institutionen wie Schulen, Unis, Medizin, Kranken- und Altenpflege, bei Arbeitgebern etc. ist Aufklärung über Hochsensibilität nötig. Die müssen sich verändern, so dass sie den Bedürfnissen von Hochsensiblen besser gerecht werden (ich bin auch so vermessen zu glauben, dass das letztlich zu einer Verbesserung für alle führen würde). Also Hochsensibilität muss aus dieser privaten Coaching-Ecke raus – wo es diesen Hype gibt – und sozusagen Lobby-Arbeit leisten, Forderungen an die gesamte Gesellschaft stellen, versuchen, diese zu verändern, unbequem werden. Dies zum einen, damit Hochsensible besser leben können, zum anderen, um „die Welt zu verbessern“ – um das mal so pauschal zu formulieren.
    Nicht Hochsensible brauchen Beratung, sondern die anderen, und das sehe ich keinen Hype, noch nicht einmal Ansätze.

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