Leben & Arbeit

Mein Tag in den 80ern – Das praktische Experiment

Ein Tag in 1980 - das Titelbild

Eine Zeitreise. Nicht in Bildern oder Texten, sondern hautnah erlebt und irgendwie umgekehrt. Die 80er in das Jahr 2016 zu transformieren und dabei doch in 1980 zu bleiben. Ein gedankliches Experiment, welches ich für einen Tag in die Tat umgesetzt habe.

In der Vorbereitung bin ich durch meinen Tagesablauf gegangen und habe alles auf eine NO-GO-Liste gesetzt, was an diesem Tag für mich tabu sein würde. Alle Dinge, die es so in den 80ern in Leipzig nicht gegeben hat, sollten auch mich nicht in Frage kommen.

Mein Smartphone gehört natürlich ebenso dazu, wie wahrscheinlich überhaupt ein Telefon (denn wer hatte schon 1980 im tiefsten Osten ein Telefon?). Meine Rechner, ja selbst meine Kaffeemaschine (ich gebe zu, ich bin ein Kapselfan), keine Mikrowelle… die Liste wurde lang und länger.

Ausnahmen gab es nur in der Kleidung und in einigen Lebensmitteln. Ja auch das Thema Essen war nicht so einfach, denn wie sollte ich 1980 jemand einen Ceranfeld-Herd erklären?

Kaffeemaschine

 

Ohne Wecker und Kaffee in 1980

Es ist gar nicht so gut keinen herkömmlichen Wecker mehr zu haben. Ohne Smartphone, das einen morgens weckt, verschläft man schnell. Die elektrische Zahnbürste kann man gleich vergessen und auch mein Rasierer erscheint nicht konform.  Zum Glück gab es Ersatz und mit nur leichten Schnittwunden ging es in die Küche… ohne Kaffee.

Tee tut es auch, Frühstück mit Brot und Marmelade und bitte keine News-Schau auf dem Macbook. Zeitung müsste man haben, merkte ich plötzlich. Weiß ich noch was 1980 in der Welt geschah?

Normalerweise würde ich mich an meinen Schreibtisch setzen, Mails beantworten, arbeiten und den Tag zumeist online verbringen. All dies fällt nun weg und ich überlege was ich wohl 1980 gemacht hätte. Mein Berufsbild, wenn davon heute im Zeitalter des quervernetzten Allrounders überhaupt noch sprechen kann, gab es damals noch nicht. Grafiker bin ich nicht wirklich und ohne Computer sehen meine Zeichnungen eher wie von Picasso aus. Ein Texter wäre da eher in der Richtung, doch gab es so etwas damals überhaupt?

Mein Schreibtisch bleibt also leer und ich schnappe mir ein, zwei Fachbücher, in die ich längst mal schauen wollte. Ich fühle mich innerlich unruhig und getrieben und stelle doch gleichzeitig fest, wie lang so ein Vormittag sein kann.

Mein_Tag_in_1980_1

Mittagszeit. Wenn es nicht bei trocknem Brot bleiben soll, bin ich wohl gezwungen Essen zu gehen. Ab in die City von Leipzig. Zum Glück habe ich Kleingeld für ein Ticket, denn sonst ziehe ich die online über das Smartphone.

Auch in der Innenstadt bleibt mein Angebot für diesen Tag eher eingeschränkt. Kein Fastfood (mag ich eh nur selten), kein Inder, kein Italiener, kein Fitness-Snack zwischendurch und so bleiben nur Bäcker und gut bürgerliche Restaurants. In solchen findet an mich sonst eher selten und eigentlich würde ich ja gern mit meinem Kollegen und besten Freund zum Essen gehen, aber wie erreiche ich diesen? Smartphone gibts nicht und Telefonzellen…? Es dauerte wirklich lange, ehe ich eine gefunden habe. Zum Glück hatte ich mir die Nummer vorher ausgeschrieben. Seltsam, früher konnte ich alle wichtigen Telefonnummern aus dem Kopf. Früher hatte ich aber auch kein Handy.

Kennst Du noch Telefonnummern aus dem Kopf?

In der Bibliothek und in Buchläden stöbern, sich ein Hemd kaufen und etwas zu Essen (nein, die Bananen darf ich erst morgen kaufen) und dann ist der Nachmittag so langsam vorbei.

Mein Flachbildfernseher wird ebenso dunkel bleiben wie der große Rechner. Etwas gelangweilt sitze ich herum. Aber selbst wenn ich den Fernseher zugelassen hätte, was ich hätte ich damit schon tun sollen? Da ich fast alle Sendungen aus dem TV, welche mich wirklich interessieren, nur noch streame, habe ich mein herkömmlichen TV-Empfang gekündigt und der Fernseher verbliebt für Blue-ray und DVD. Beides gab es natürlich damals noch nicht. Mist, ich habe ja auch gar kein Radio mehr. Auch dies höre ich, wenn überhaupt, online, aber zumeist streame ich Musik über Spotify. Wieso habe ich keine Schallplattensammlung wie so viele noch?

Ich bin erstaunt wenn ich zusammenzähle was sich heute wie selbstverständlich alles über das Internet beziehe. Ich bin daueronline. Erinnerungen werden wach an alte Zeiten mit Modem und minutengenauer Abrechnung. Flatrate? Nicht daran zu denken.

Doch zurück ins Jahr 1980. Eigentlich hätte sogar meine Wohnung dunkel bleiben müssen, da ich keine einzige herkömmliche Glühbirne mehr besitze, aber da machte ich dann doch mal eine Ausnahme, legte mich in die Badewanne und las ein Buch. Ohne Musik kam mir meine Wohnung schrecklich stumm und leer vor.

Smartphone

Mein Tag im Jahr 1980 näherte sich dem Ende. Unaufgeregt, langweilig, stumm und nicht besonders gesund, so kam er mir vor. Meine Erinnerung an diese Zeit ist aber eine ganze andere.  Wie ist das mit unseren Erinnerungen? Sind sie wie ein Fotoalbum, wo wir nur die besonderen Dinge einkleben und hervorholen und Alltag und Langeweile darin kein Platz mehr haben?

Was habe ich früher in den 80ern so gemacht? Ich lebte bei meiner Familie und so ein Familienleben bringt immer allerlei Trubel mit sich. Ich erkenne wie sehr ich mich an das heutige Leben und den Einzug der Technik quer durch den Tag doch gewöhnt habe. Und im Vergleich zu 1980 erscheint es mir plötzlich wie ein Quantensprung. Wie würde jemand aus der damaligen Zeit reagieren,wenn wir ihn umgekehrt ins hier und jetzt versetzen? Wäre es für ihn beängstigend, wäre er neugierig? Würde er mit der multimedialen Dauerberauschung klarkommen?

Ein Tag in den 80ern. Mein Tag in 1980. Ein Experiment, gedanklich und praktisch und ich bin froh das es vorbei ist. Ich behalte meine Erinnerungen gerne und auch wenn ab und zu selbst dazu neige zu denken: ach ja, früher war es doch schöner, so muss ich doch eingestehen, dass ich gern im hier und jetzt lebe.

 

Wahl-Leipziger / Blogger, Fotografiebegeistert, ehemaliger Podcaster. In diesem privaten Blog beschäftige ich mit Dingen wie Musik und Software, aber auch mit der Fotografie - Dinge also, die mir Spaß machen und etwas bedeuten. Du findest mich auch auf Google+, Facebook, Twitter und Pinterest

6 Kommentare

  1. Einen Tag verbringen wie #1980 und auf man alles verzichten muss, ohne Internet und Smartp… https://t.co/D7kvN111cW https://t.co/TG2ECBoSeX

  2. 1980 konnte man in Leipzig mit Sicherheit nicht mit der „guten alten D-Mark“ zahlen. Da war noch Ostmark angesagt und ich glaube, die wünscht sich wirklich niemand zurück.

  3. Oh ja, die totale Abhängigkeit von der Elektronik und vom Internet 😉 Das sollte man sich in der Tat regelmäßig ins Gedächtnis rufen.
    Immerhin habe ich mir letztes Jahr wieder ein kleines Radio gekauft – weil auch das Internet hin und wieder ausfällt.
    Was ich defintiv nicht vermisse: ständig Stromausfall, Kohleofen und die schlechte Luft.

  4. Mein Tag in 1980 – Das praktische Experiment https://t.co/8isHbZQRgE

  5. Major_Tannhauser

    Damals stand noch an jeder Telefonzelle „Fasse dich kurz“, weil das ‚Netz‘ ständig überlastet war.
    Gestern hieß es „Ruf doch mal an“, damit der rosa Konzern deines Vertrauens mehr Umsatz macht.
    Und morgen… Morgen haben wir den Chip im Kopf, und Hinz und Kunz kann seine Werbeslogans dir gleich ins Gehirn uploaden.
    Als mein altes Handy das zeitliche segnete, hatte ich ein 3/4 Jahr lang überhaupt keins. Die ersten Tage waren gewöhnungsbedürftig, aber alsbald war die Zeit ungemein entspannend. Ich wusste gar nicht mehr, wieviel Zeit für die schönen Dinge und seine Lieben man hat, wenn man nicht ständig erreichbar ist.

  6. War bestimmt eine interessante Erfahrung. 1980 gab es wenigstens noch Telefonzellen, die man nutzen konnte, sofern man genügend Kleingeld in der Tasche hatte. Was Du vergessen hast zu schreiben – es gab noch die gute alte D-Mark, mit der man bezahlen konnte ;)!

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