Leben & Arbeit

Selfie

Wir haben alles gesehen, alles festgehalten, alles fotografiert, kategorisiert und in Alben sortiert. Die Motive sind uns ausgegangen. Wir haben den Sehenswürdigkeiten dieser Welt mit unseren Blitzlichtgewittern die Farbe genommen, haben tausend und einen Blickwinkel gefunden, um den Eiffelturm neu zu entdecken.

Wir haben Filter und Retusche genutzt, bis der Malkasten der Möglichkeiten restlos erschöpft und unsere Augen ob der vielen Effekte geblendet schienen. Wir haben Bilder gesammelt, geteilt, posten sie rund um die Uhr in Soziale Netze und lassen jeden Kaffeebecher erlebbar und berühmt werden. Wir sind visuelle Wesen und haben uns derart lang mit trivialen Nichtigkeiten unseres Alltags gegenseitig zugehauen, dass wir unter der stetigen Flut der Bilder eine Gleichgültigkeit gegenüber den besonderen Momenten entwickelt haben.

Als es selbst zu langweilig wurde uns gegenseitig ständig abzulichten und das Ende unserer Motivgier nahte, kamen wir auf den unglaublichen innovativen, narzisstischen und kollektiven Gedanken, fotografieren wir uns selbst. Mit Freunden, ohne Freunde, mit Kollegen, mit Kaffeebechern, an sehenswerten Orten, stets das gleiche breite Grinsen und die scheinbar unabdingbare Sonnenbrille dabei.

Wir haben alles gesehen, alles festgehalten, nun sehen wir uns selbst, als letzte Instanz, als letztes Motiv. Selfie. So wenig lustig, so wenig nötig, so nervend und so present. Bis uns vielleicht ja doch was neues einfällt, bis wir vielleicht wieder lernen, dass nicht jedes Brötchen und nicht jeder Mülleimer fotografiert werden muss, bis wir das Wesentliche wiederfinden. Vielleicht finden wir dann auch uns selbst wieder, ohne uns fotografieren zu müssen.

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